Kurze Einlassung zum 30S-Artikel „Backe, Backe, Weltbild fertig".

Es ist sinnvoll, Texte, über die gestritten wird, im Original zu kennen. Interessierte finden unsere Broschüre „Das borderline-Syndrom/Beitrag zu einer erfolgreich verhinderten Debatte" ausliegend oder im Netz unter http://www.nadir.org/nadir/initiativ/les_madeleines/
Wir haben uns über Euren Text und die Covergestaltung ziemlich geärgert. Nicht, weil der Autor uns kritisiert, nicht weil er das auf polemische Art und Weise macht und nicht deshalb, weil wir keinen Humor verstünden. Sondern weil der Autor, der uns in seinem Artikel oberlehrerhaft erklärt, wie Texte zu lesen seien, den unseren entweder nicht gelesen oder aber nicht verstanden hat. Deshalb, weil seine Kritik eine schlechte ist, die sich an einem Punkt abarbeitet, der in unserem Text so nicht auftaucht. Deshalb, weil das Titelbild kein Scherz, nicht einmal ein böser, sondern eine Diffamierung ist. Es spielt auf den Titel der letzten Ausgabe an, in der völlig richtig linker und anderer Antisemitismus und der Sommer der Staatsantifa als Wahnsinn bezeichnet werden. Mit „Der Wahnsinn blüht weiter" überschreibt ihr Euer von unserer Broschüre geklautes und von Euch bekritzeltes Coverfoto. Darüber, auf dem Cover in eine Reihe mit Staat und Mob der AntisemitInnen gestellt zu werden, als deren erklärte GegnerInnen wir uns betrachten, können wir nicht lachen.
Der Autor verwendet drei Seiten darauf, sich darüber zu erzürnen, Les Madeleines betrachteten den Berliner Fall -genauso wie unsere angeblichen „theoretischen Hausgötter" von der bahamas (unsere „Hausgöttinnen" läßt er außen vor) - als Verführung und nicht als Vergewaltigung. Er selber scheint sich darüber sehr sicher zu sein („Angefangen hat alles mit einer öffentlich gemachten Vergewaltigung" Seite 20) und geht darin mit so ziemlich allen anderen Veröffentlichungen d’accord. Wir maßen uns ein solches Urteil ohne Kenntnis der Situation und Umstände nicht an. Gerade weil wir die Frau und ihren von Euch zitierten Text als ihre einzige öffentliche Äußerung ernstnehmen, weil wir denken, daß sie sich im Klaren über ihre Worte war und weil wir ihren Text gerade nicht „schlampig, interesselos und voreingenommen" gelesen haben, halten wir die zweite Version der Ereignisse, die die bahamas als kursierendes Berliner Szene-Gerücht zitiert, für möglich. Im Übrigen findet sich in unserer Broschüre keine einzige Formulierung, in der wir den Fall als „Verführung" bezeichnen. Wir klassifizieren den Fall nicht. Unser Gegenstand ist nämlich nicht der konkrete Fall, sondern der Umgang mit diesem und ähnlichen Fällen in der autonomen Szene in Berlin und anderswo, die Debatte und ihre Verlaufsform, mit all den darin aufscheinenden Affekten und Projektionen. Deine in Fußnote 5 aufgestellte Behauptung, unsere Argumentation würde „schräg", lese mensch sie „endlich mal ohne das Vorurteil, es sei keine Vergewaltigung gewesen", ist Deiner verqueren Lesart geschuldet. In der Tat haben wir unsere Broschüre unter den verschiedensten Prämissen gelesen und stellten nur immer wieder fest, daß es auf diesen Punkt nicht ankommt, weder für uns, noch für den Fortgang der Argumentation.
Ignoranz und Größenwahn des Autors spiegeln sich in der Aussage, wir hätten den Artikel aus der letzten 30S zitiert, in dem „Wesentliche[s] über diese Debatte" gestanden habe. Dieser Artikel ist nicht in die Produktion unseres Textes eingeflossen; daß Ihr Euch dennoch angegriffen fühlt, liegt daran, daß in diesem Artikel Allgemeinplätze standen, die in jeder anderen x-beliebigen Veröffentlichung hätten stehen können. Das angebliche Zitat „nein heißt nein" ist - tausendfach gesprüht, geschrieben und gebrüllt - zu einem Axiom in der Linken geworden. Daß der Autor das nicht weiß, spricht Bände über seine Auseinandersetzung mit dieser Debatte und ihrer Form. Daß er jene nicht für nötig hält, zeigt, daß es ihm hier darum geht, sich in die Reihe der linken GlaubensbekennerInnen einzureihen, um dann wie der Opi im Lehnstuhl einige behäbige Worte über das Definitionsrecht zu verlieren, das er zwar für doof, das Ansinnen der Definitionsmächtigen aber für „ehrenwert" hält (über den Zusammenhang von „Absicht" der AutorInnen und Inhalt des Geschriebenen hat ein 30S-Redakteur in der letzten Ausgabe in bezug auf einen Osterholzer Redebeitrag Schlaues zu Papier gebracht). Dafür ist eine Befassung mit und Textarbeit an autonomem Geschreibsel auch nicht nötig, abgesehen davon, daß es allemal frustrierend und äußerst unerquicklich ist, sich seitenlang Beiträge aus der Autonomen-Bild „Interim" und ihrer Ableger durchzulesen.
Die völlige Blindheit gegenüber dem Wahnhaften und der Gewalt in den Reaktionen der Autonomen, vom CS-Gas-Angriff auf eine Friedrichshainer Kneipe, über die „Saalschlacht" auf der bahamas-Veranstaltung in Berlin bis zu dem tätlichen Angriff auf eine Genossin (!) des sogenannten „Täters", ermöglicht dem Autor erst, seine Argumentation so zu führen, wie er es getan hat. Diese notwendig blinden Flecken in seiner Wahrnehmung, sein projektiv-selektiver Blick, kennzeichnen seine Auffassung sowohl hinsichtlich der Debatte als auch der Broschüre. In diesem Zusammenhang ist es wirklich unverschämt der bahamas zu unterstellen, sie sei bloß Opfer ihrer eigenen Methode geworden, denn Prügeleien, CS-Gas-Attacken oder dergleichen gehören nicht ins Repertoire dieser Zeitschrift, auch wenn diese nicht gerade freundlich mit ihren GegnerInnen umspringt.
Um der autonomen Linken Sexualfeindlichkeit zu attestieren, bedarf es nicht der Bezugnahme auf das zitierte Outingschreiben. Diese schlägt einem aus wirklich jedem autonomen Papier zum Thema entgegen. Die Darstellung von Sexualität als Minenfeld, als manifeste Verstrickung des Geschlechterdilemmas, in die mensch sich freiwillig begibt, welche doch nur wieder zwangsläufig patriarchale Verhaltensmuster nach sich zieht und der mensch am besten in Homosexualität, oder besser noch in sexuelle Enthaltsamkeit, entkommt (ungeachtet der Tatsache, daß unschöne Beziehungen auch in gleichgeschlechtlichen Lebensformen existieren), zieht sich durch die sexuellen Vorstellungen der undogmatischen Linken. Vollkommen fern liegt uns, Sexualität als unproblematisch zu verklären und die Existenz eines Geschlechterverhältnisses abzuleugnen, die alleine schon das Problem darstellt. Wie gewalttätig es in der Sexualität zugehen kann, ist auch ein Thema unserer Broschüre, wo sich Folgendes finden läßt : „Daß man und häufiger noch frau ein Nein nicht bloß aus überraschend angefachtem Verlangen in ein Ja verwandeln mag, sondern auch um der lieben Ruhe willen, wird damit ja genauso wenig in Abrede gestellt, wie das frau sich hinterher wünschen mag, daß sie bloß beim Nein geblieben wäre. Solchen Auswirkungen des bürgerlichen Geschlechterverhältnisses, so wäre hinzuzufügen, läßt sich gerade nicht mit Eindeutigkeiten wie „Nein ist gleich Nein" beikommen." ( Das Borderline-Syndrom S.2). Wie sich übrigens aus solchen und ähnlichen Sequenzen unseres Textes entnehmen läßt, wir würden der Tautologie „Nein heißt Nein" widersprechen, ist uns vollkommen schleierhaft. Solch projektives Lesen ist schuld an der großen Differenz zwischen uns und dem 30S-Autor, aber auch seine verqueren inhaltlichen Einlassungen, so spärlich sie auch in „Backe, backe..." leider gesäht sind. Besonders deutlich offenbart sich dies an des Autors Lustdefinition im Abschnitt „Verführung: Vergewaltigung ist, was Du draus machst ?" (S. 21). Dort steht zu lesen:" Viel mehr kann es für ein Opfer einer Vergewaltigung umso schlimmer sein, ihre (oder auch seine) körperliche Reaktion nicht unter Kontrolle zu haben, sondern dem Vergewaltiger noch den Triumph geben zu müssen, seinem Opfer Lust gemacht zu haben. (...) Das ist durchaus ein Triumph der Herrschaft: Daß der Körper des Opfers dem Vergewaltiger recht zu geben scheint. Zusätzlich zu der traumatischen Erfahrung des Vergewaltigungsopfers, daß die Integrität des eigenen Körpers verletzt wurde, kommt die Scham, das Entsetzen , die Selbstvorwürfe usw. . Die sind zwar Quatsch, weil für körperliche Reaktionen niemand etwas kann (...)." (S.21) Wir reden hier nicht von Amöben, sondern von Menschen, und die sind einfach nicht rein körperlich oder rein geistig, gerade bei der Lust hängt dies unauflösbar zusammen. An dieser Stelle geht die wahnsinnige Fehlinterpretation unseres Textes gleich weiter, wenn nämlich mit Bezug auf Überwältigungsphantasien und dergleichen behauptet wird, Lust sei für uns ein Beweis, daß keine Gewalt vorläge. In einer längeren Fußnote (S.2) unserer Broschüre wenden wir uns genau diesem Komplex zu und erläutern am Beispiel des Kindesmißbrauchs, wie bestimmte Phantasien den Schrecken einer Vergewaltigung begründen und noch verstärken können.
Wir möchten auf jeden Fall allen ans Herz legen, noch einmal unsere Broschüre gründlich zu lesen und, anders als der 30S-Autor, auch ihren Inhalt zur Kenntnis zu nehmen. Über Reaktionen und Kritik würden wir uns sehr freuen (lesmadeleines@email.com). Die Möglichkeit zur ausführlichen Diskussion besteht am 20. Juli auf unserer Veranstaltung mit ReferentInnen von Les Madeleines und der bahamas unter dem Titel „Subjekt - Sexuelle Verhältnisse - Linksradikale Szene". Dort soll es um die Texte „Infantile Inquisition" aus der bahamas Nr. 32, „Das borderline-Syndrom" und die Kritik an der bahamas Nr.34 (Hauptsache Sexualität) gehen.
Achtet auf Ankündigungen.

Ein paar kurze Worte wollen wir aber noch zu der ziemlich unsäglichen Anmerkung der Redaktion der 30S verlieren. Zunächst ist die dortige Argumentation vollkommen widersprüchlich, wenn zuerst das subjektive Erleben des Opfers den wesentlichen Maßstab darstellen soll und am Ende die Parteinahme für dieses kritisiert wird. Hier wird demonstriert, wie Adorno in postmodernen Zeiten noch für jeden Blödsinn verwurstet werden kann, der gute Mann wird im Grabe rotieren. Der Rechtfertigung des VerfolgerInnenkollektivs mit Adorno wird eine Schwallerei von „dualistisch unvermittelter Logik" und einem "herrschaftlichen Denken im ontologisch gefärbten Gewand antisubjektivistischen, wissenschaftlich objektiven Identitätsdenkens" zur Seite gestellt, selbst unverstandene rethorische Nebelbomben. Statt, nachvollziehbar aber falsch, aus der eigenen Betroffenheit in autonomer Manier der „Politik der ersten Person" darauf zu pochen, daß das Schwein, das Leid verursacht hat, dolle zu vertrimmen sei, wird hier der schwache Versuch unternommen, das „gesunde Volksempfinden" mit kritischer Theorie zu adeln.

Trois Madeleines

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