Verhandlungsmoral und bürgerliche Gesellschaft

Ich möchte mein Referat mit einer seltsamen Bitte beginnen, nämlich der, daß Ihr mir aufmerksam zuhört: das mag zwar verdreht erscheinen, wo ihr doch anscheinend zu dem Zwecke gekommen seid, jedoch habe ich den Eindruck, daß diese Disskussion so affektgeladen ist, daß viele sich gegenseitig überhaupt nicht mehr zuhören, nicht mehr zwischen Projektion und Wirklichkeit unterscheiden können oder einfach sich dem nötigen Zweifel zur Wahrheit verweigern und vor allem Recht haben wollen. Es geht um ein diffiziles Thema, was einige Präzision und Empathie erfordert, auf den jedeR die oder der zuhört sich schon einlassen muß, soll etwas Vernünftiges dabei herauskommen. Wer letzteres nicht wünscht, möge gehen. Wir wollen hier keine Machtspiele spielen sondern unsere Positionen zur Disskussion stellen und auch die der Bahamas. Grundsätzlich möchte ich noch darauf hinweisen, daß ich, wenn ich VertreterInnen sage, Frauen und Männer meine, genau so wenn ich von der Mensch oder die Person rede. Zum Beginn des Referats möchte ich ein Gedicht vortragen, auf das ich später noch zurückkommen werde, es ist von Else Lasker-Schüler:

Viva!

Mein Wünschen sprudelt in der Sehnsucht meines Blutes Wie wilder Wein, der zwischen Feuerblättern glüht. Ich wollte, Du und ich, wir wären eine Kraft, Wir wären eines Blutes Und ein Erfüllen, eine Leidenschaft, Ein heisses Weltenliebeslied!

Ich wollte, Du und ich, wir würden uns verzweigen, Wenn sonnentoll der Sommertag nach Regen schreit Und Wetterwolken bersten in der Luft! Und alles Leben wäre unser Eigen; Den Tod selbst rissen wir aus seiner Gruft Und jubelten durch seine Schweigsamkeit!

Ich wollte, dass aus unserer Kluft sich Massen Wie Felsen aufeinandertürmen und vermünden In einen Gipfel, unerreichbar weit! Dass wir das Herz des Himmels ganz erfassen Und uns in jedem Hauche finden Und überstrahlen alle Ewigkeit!

Ein Feiertag, an dem wir ineinanderrauschen, Wir beide ineinander stürzen werden, Wie Quellen, die aus steiler Felshöh´ sich ergiessen In Wellen, die dem eignen Singen lauschen Und plötzlich niederbrausen und zusammenfliessen In unzertrennbar, wilden Wasserheerden!

Else Lasker-Schüler

Dem sei gegenübergestellt: " In einem kleinen, als liberal geltenden College am Ohio, in Antioch, USA, wurde die neue sexuelle Ordnung idealtypisch entwickelt. Dort beschloß die Vollversammlung der Studenten und Studentinnen für beide Geschlechter und alle sexuellen Orientierungen einen Katalog sexueller Korrektheit, Regeln fürs Flirten, Küssen, Streicheln, Schmusen und Beischlafen. Das Prinzip ist einfach: Explizite Fragen und explizite verbale Zustimmung für jede neue Ebene des sexuellen Kontaktes, also eine klare Frage und ein klares "Ja" zum Kuß, zur Körperberührung, bei jeder erogenen Zone, zu jeder Form der Stimulation sind Vorraussetzungen gemeinsamer Sexualität. So wie der oder die Verführende verpflichtet ist zu fragen, so ist der oder die zärtlich oder sexuell Addressierte komplementär dafür verantwortlich, seine oder ihre Bereitschaft verbal oder körperlich, in jedem Falle aber deutlich, auszudrücken. Die Universitätsverwaltung mußte das Reglement in ihre Verfassung mit aufnehmen und ihren Sanktionskatalog für die Relegation von Studierenden der neuen Moral anpassen." (Zitiert nach Gunter Schmidt.) Diese neue Sexualmoral unterscheidet sich von der alten also dadurch, daß nicht mehr bestimmte Handlungen als pervers gelten - und damit Sanktionen nach sich ziehen, sondern jede Handlung pervers oder korrekt sein kann, je nach dem, wie sie zustandekommen ist. Hauptsache ist, daß sie quasi vertraglich geregelt wurde, dann, und nur dann gilt sie als normal. Alles was hingegen spontan, unabgesprochen und ungeregelt geschieht ist strafbar. Bei den VertreterInnen dieser Sexualmoral wird davon ausgegangen, daß es im Wesentlichen zwei Umgangsweisen mit Sexualität gibt, die auf zwei verschiedene Dinge zielen: Die eine auf Gewalt, die andere auf Sicherheit vor dieser Gewalt. Während die vorrangegangenen und für die Entwicklung der Verhandlungsmoral grundlegenden feministisch geprägten Debatten um sexuelle Gewalt einerseits der Verdienst zukommt diese Gewalt "in all ihren Gestalten,Verkleidungen und Verdünnungen" (z.B. in Form von Vergewaltigungen, Mißbrauch und alltäglichem Sexismus) öffentlich zu thematisieren, so hatte sie andererseits den Nebeneffekt, daß in der Sexualität beständig Gefahr vermutet wurde, daß Angst, Empörung und Beschämung wesentliche Konnotationen im offiziellen Sexualdiskurs wurden. Diesen Affekten wurde dann der Versuch gewidmet, durch Berechenbarkeit, Rationalität und strenge Regeln Sicherheit gegen Gefahren zu schaffen, die in der Realität lauern können. So meinen sogar einige, daß, wer diese Verhandlungsmoral, die ja auch dazu dienen soll, daß sich niemand über den Willen des oder der anderen hinwegsetzt, nicht anerkennt, nur einE BefürworterIn von Gewalt sein kann. Um mich der Frage zu nähern, ob dem wirklich so sein muß, stelle ich zunächst eine andere: Welcher Art ist die Gefahr, die dabei in Sexualität vermutet wird? Einerseits gibt es die ganz reale Gefahr, in irgendeiner Hinsicht von dem Menschen, dem ich mich hingebe verletzt zu werden, denn ich lasse mich auf ihn ein, vertraue ihm, liefer mich ihm aus. Dabei kann mir eine ganze Menge zustossen: Ich kann an jemanden geraten, der oder die es geil findet Willen zu brechen, und seine oder ihre Lust daran entfacht, genau das zu tun, was ich nicht will. Ich kann an jemanden geraten, der oder die mich wie ein Ding benutzt und damit erniedrigt. Ich kann an jemanden geraten, der oder die schlicht zu ungeschickt und unsensibel ist, auf mich einzugehen. Und so weiter. Solche Verletzungen werden sowohl Frauen als auch Männern zugefügt, aber es liegt bei Frauen erstmal noch näher. Andererseits wird in diesem Zusammenhang häufig der Begriff "Grenzverletztung" benutzt. Was hat es damit auf sich? Die hier angesprochenen Grenzen haben mit Staatsgrenzen gemein, daß sie nicht naturgegeben sind, sondern von Menschen gezogen werden. Der große Unterschied ist, daß diese Grenzen im Ermessen der Person, die sie zieht, liegen, also jederzeit verschiebbar sind und daher weniger klar und häufig weniger eindeutig gekennzeichnet sind als Staatsgrenzen. Sie grenzen - nicht zuletzt aus Bezug auf die eben angegebenen Erfahrungen - das Subjekt gegen die Teile seiner Umwelt ab, die ihm näher treten könnten, als ihm lieb ist und sollen so der eigenen Angst Rechnung tragen. Eines bleibt allerdings dabei in dieser Debatte meistens außer Acht: in diesem Schutz lauert eine andere Gefahr: Grenzen schränken auch ein. In ihrer letzten Konsequenz führen sie zur totalen Vereinsamung. In ihrer Transzendenz, im Über-sich-hinausschreiten, im Zusammenhang mit anderen Menschen erst bietet sich dem Individuum die spärliche Chance zum Glück. Das ahnen wohl auch die VertreterInnen der Verhandlungsmoral, sonst könnten sie es sich ja leichter machen und es gleich bei Selbstbefriedigung belassen. Stattdessen versuchen sie Transzesndenz und Sicherheit unter einen Hut zu bringen, indem jeder Schritt des Überschreitens verbal abgeklärt wird und sich dabei von Grenze zu Grenze vorgearbeitet wird, meistens zu dem, was den in der bürgerlichen Gesellschaft aufgewachsenen Menschen häufig als das einzig Wahre gilt: dem genitalen Steckkontakt. Dieser Umgang bringt allerdings einige Nachteile mit sich: Erstens ist es kaum möglich zu wissen, ob mir etwas schmeckt, was ich noch nie probiert habe. Häufig muß ich mich ja, um etwas geniessen zu können, erst darauf einlassen. Und selbst wenn ich bereits weiß, daß Berührungen an einer bestimmten Stelle mir bislang immer sehr oder gar nicht gefallen haben, heißt das ja nicht, daß mir eine Berührung dort mit einem anderen Ausdruck, in einem anderen Zusammenhang, von einem anderen Menschen, zu einer anderen Zeit mir nicht ganz anders gefallen könnte. Das finde ich konkret immer erst dann heraus, wenn es bereits geschieht, selbst wenn ich es zuvor mir gewünscht oder gefürchtetet habe. Zweitens entkommt man mit sprachlicher Vortastung dem Dilemma der Verletzungen von Menschen und den von ihnen gesetzten Grenzen nicht. Denn auch Sprache kann willkürlich oder unwillkürlich verletzen, auch Sprache tastet sich in neue Bereiche vor und bedarf deshalb eines ähnlichen Einfühlungsvermögens und einer ähnlichen Vorsicht wie Zärtlichkeit, soll sie die andere Person nicht verletzen. Mitunter kann gerade in bestimmten erotischen Augenblicken Sprache an sich schon verletzend sein, denn sie kann die Distanz zugleich offenbaren und erzeugen, die mich von dem Menschen trennt, mit dem ich zu verschmelzen wünsche, oder wie Else Lasker-Schüler schreibt, "ein Erfüllen, eine Leidenschaft" zu werden. Drittens vernichtet solch eine klinische Bürokaratie gerade eben eines der wesentliche Elemente von Erotik: das Knistern im Raum zwischen den Personen, was durch die Spannung zwischen Distanz und Nähe, zwischen Angst und Sehnsucht, zwischen Rücksicht und Verlangen, zwischen Geborgenheit und Risiko und mitunter sogar zwischen Zartheit und Ungestüm entfacht wird. Viertens verhindert genaues Absprechen und Planen die Möglichkeit, daß etwas neues, unerwartetes und besonderes geschieht, sondern wer der Verhandlungsmoral Folge leistet bewegt sich völlig im Rahmen kapitalistischer Prinzipien, läuft Gefahr, die andere Person als Tauschpartner und Ware zugleich zu betrachten. Verhandlungen und Tausch sind zwei wesentliche Prinzipien der kapitalistischen Gesellschaft, die die Menschen zu Agenten des Systems machen. Darin sind sie selbst austauschbar wie Dinge, blosse Träger von Arbeitskraft, die wiederrum nur als notwendiges Übel angesehen wird, blosse Vertragspartner, Verkäufer, Käufer... So verlieren sie ihre Individualität, obgleich es als innovativ gilt und den Marktwert erhöht, individuell zu erscheinen. Dies kann auch ein Grund sein, so viel Wert auf die eigenen Grenzen zu legen. Individualität wird nicht mehr durch die Erfahrung mit der Welt, die mensch begriffen hat, bestimmt, nicht durch die spezifische Geschichte der Menschen, nicht mehr an den Äußerungen der Person erkannt, die ihre Erfahrungen und Geschichte verobjektivieren, sie anderen Menschen zugänglich machen und damit an die Welt zurückführen, sondern lediglich in der Abgrenzung zur Welt, der Oberfläche des Selbst unter Absehung des Inhalts, der nur noch als unbefleckt und unberührt zu haltendes wahrgenommen wird, zumahl die Geschichte häufig real eine der Verletzungen sein mag. In der Reduktion der Menschen auf diese Ansicht geht jegliches revolutionäre Potential der Liebe verloren und die Menschlichkeit und Einzigartigkeit der Menschen zugleich, den darin sind sie alle blosse Konkurrenten. Mit den Worten Adornos: "Das Tauschverhältnis, dem [die Liebe] durchs bürgerliche Zeitalter hindurch partiell sich widersetzte, hat sie ganz aufgesogen; die letzte Unmittelbarkeit fällt der Ferne aller Kontrahenten von allen zum Opfer. Liebe erkaltet am Wert, den das Ich sich selber zuschreibt." (MM S.220: Ne cherche plus mon coeur) Das ist nicht einfach der Doofheit der Leute zuzuschreiben, sondern geschieht unter dem Druck der Gesellschaft. Und doch wäre es, wie Adorno schreibt, an der Liebe, sich dem zu widersetzen. Mit Liebe meint er jedoch nicht ein bestimmtes Gefühl, eine Stimmung und auch nicht eine nette, friedliche Privatangelegenheit, sondern er schreibt: "Soll Liebe in der Gesellschaft eine bessere vorstellen, so vermag sie es nicht als friedliche Enklave, sondern nur im bewußten Widerstand. Der jedoch fordert jenes Moment von Willkür, das die Bürger, denen Liebe nie natürlich genug sein kann ihr verbieten." Nun ein besonders schwieriger Satz: "Lieben heißt fähig sein, sich die Unmittelbarkeit nicht verkümmern zu lassen vom allgegenwärtigen Druck der Vermittlung, von der Ökonomie, und in solcher Treue wird sie vermittelt in sich selber, hartnäckiger Gegendruck. [...] Wenn der gesellschaftliche Vorteil, sublimiert, noch die sexuelle Triebregung vorformt, durch tausend Schattierungen bald diesen bald jenen spontan attraktiv erscheinen läßt," - da kommt dann wieder die Austauschbarkeit ins Spiel - "dann wiedersetzt dem sich die einmal gefasste Neigung, indem sie ausharrt, wo die Schwerkraft der Gesellschaft, vor aller Intrige, die dann regelmäßig von jener in den Dienst genommen wird, es nicht will." Obwohl er in der Sehnsucht nach unwillkürlicher Liebe ein transzendierendes Moment entdeckt, die Sehnsucht nach Dispensierung von der Arbeit, weiß er, daß das die Liebe dem Schicksal überlassen, indem sie "unterm Schein der unreflektierten Spontanität und stolz auf die vorgebliche Aufrichtigkeit, sich ganz und gar dem überläßt, was sie für die Stimme des Herzens hält, und wegläuft, sobald sie jene Stimme nicht mehr zu vernehmen meint", ihr den Zahn nimmt, sie zu einem "Werkzeug der Gesellschaft" werden läßt: "Passiv, ohne es zu wissen, registriert sie die Zahlen, die in der Roullette der Interessen je herauskommen." Was aber meint er denn mit der "Neigung", die sich der "Schwerkraft der Gesellschaft" widersetzt? "Die wahre Neigung wäre eine, die den anderen spezifisch anspricht, an geliebte Züge sich heftet und nicht ans Idol der Persönlichkeit, die Spiegelung von Besitz." Denn wenn ich einen Menschen zu besitzen meine, mache ich diesen Menschen zum blossen Objekt: lieben kann ich die Person dann nicht mehr. Was aber bedeutet "Neigung [...]die den anderen spezifisch anzuspricht"? Sie deutet auf eine Individualität, in der Menschen mehr sind als austauschbare Verhandlungspartner und Konkurrenten, die sich darin gleich sind, daß sie einander alles neiden und nie mehr geben wollen, als sie bekommen, aber für sich alles fordern, wenn sie die Chance sehen, es zu ergattern, die auf den eigenen Vorteil bedacht sind und den anderen Menschen bloß als Mittel zum Zweck betrachten. Wie ich eben schon erwähnt habe, unterscheiden sich die Menschen von dieser Gleichheit durch ihre spezifischen Erfahrungen, die sie nur im Umgang mit anderen Menschen gemacht haben können, und der jeder Mensch auf einer bestimmte, unverwechselbaren Weise Ausdruck verleihen mag. Einen Menschen zu lieben setzt vorraus diesen aufzugreifen, die Person in ihren Eigenheiten wahrzunehmen. Auch ihre Ängste, ihre Verletzungen, aber eben nicht, um diese auszuspielen und doch noch einen eigenen Vorteil daraus zu ziehen. Das ist von besonderer Wichtigkeit die Erotik betreffend, soll sich der betreffende Augenblick nicht lediglich in die Reihe der Verletzungen und dem daraus resultierenden Bedürfnis nach Schutzmaßnahmen begeben. Diese jeweils einzigartige Wahrnehmung der anderen Person ist immer eine körperliche. Sie geschieht durch Hören der Worte, der Stimmlage, des Sprachklangs, durch das Wahrnehmen von Haltung, Mimik, Gesichtsfarbe, leichtesten Veränderungen der Hautoberfläche - ist eine durch und durch sinnliche Angelegenheit und eine Kunst, die es erst noch zu entwickeln gälte. Zwar stellt Michel Foucault verschiedene Gesellschaften als solche dar, die eine Kunst der Erotik entwickelt haben, jedoch müssen wir meiner Ansicht nach bedenken, daß diese Gesellschaften mehr oder weniger patriarchal strukturiert waren und in vorkapitalisten Systemen ihren Ort hatten, also daß auch diese Kunst in einem anderen Zusammenhang stand, als wir es wünschenswert und möglich fänden. Nichtsdestotrotz läßt sich lernen von den "Gesellschaften - und ihrer waren viele: China, Japan, Indien, Rom, die arabisch.islamischen Gesellschaften - die sich eine ars erotika gegeben haben. In der Kunst der Erotik wird die Wahrheit aus der Lust selber gezogen. Sie wird als Praktik begriffen und als Erfahrung gesammelt. Nicht im Hinblick auf ein absolutes Gesetz des Erlaubten und des Verbotenen und nicht unter Bezugnahme auf ein Nützlichkeitskriterium wird die Lust gesehen, sondern zunächst und allererst in Bezug auf sich selbst ist sie als Lust zu erkennen, also in ihrer Intensität, ihrer spezifischen Qualität, ihrer Dauer und ihren Ausstrahlungen im Körper und in der Seele. Besser: dieses Wissen muß mit Gleichmaß wieder in die sexuelle Praktik eingegossen werden, um sie gleichsam von innen zu gestalten und ihre Wirkungen auszudehnen." Während es bei uns häufig darum geht, aus Angst sich als möglichst immer gleich festzuhalten und sich nicht ins Wanken bringen zu lassen, sollte die Kunst der Erotik die Menschen verändern. Diese der Lust innewohnenden Ziele waren laut Foucault "einzigartige Wollust, Vergessen der Zeit und der Grenzen (...) Bannung des Todes und seiner Drohungen." Alle diese Elemente finden wir auch in dem Gedicht von Else Lasker-Schüler, welches ich zu Beginn vorgelesen habe: "Vergessen der Zeit": "Und überstrahlen alle Ewigkeit", "Vergessen der Grenzen": "Und uns in jedem Hauche finden", "Zusammenfliessen/ In unzertrennbar wilden Wasserheerden", "Bannung des Todes": "Den Tod selbst rissen wir aus seiner Gruft/ Und jubelten durch seine Schweigsamkeit". Eine Kunst der Erotik, die es versteht auf den anderen Menschen einzugehen, liegt zugegebenermassen, gerade recht fern. Sie ist an keiner Schule zu lernen als in den eigenen mehr oder weniger verqueren und spärlichen Erfahrungen. Ihr müßte im Grunde eine Sensiblität zu Grunde liegen, die diese Gesellschaft nicht auszuhalten macht. Und dennoch möchte ich sie als Ideal hochhalten gegen die dichotome Vorstellung von Gewalt und Sicherheit. Leidenschaft wäre weder das eine noch das andere und doch eher beides in einem: sie wäre eine Aufhebung des Leids der vergangenen Verletzungen und täte dem selbstbeherrschten, auf die eigenen Körpergrenzen stolzen, narzistischem Selbst die Gewalt der Befreiung an. Oder wie es bei Else Lasker-Schüler heißt: "Meine Lust stöhnt wie eine Marterklage Und reisst sich von ihrer Fessel frei" Sie konnte sich hingeben, obwohl auch sie die Angst kannte: "Sinnenrausch

Dein sünd´ger Mund ist meine Totengruft Betäubend ist sein süsser Atemduft, Denn meine Tugenden entschliefen. Ich trinke sinnberauscht aus seiner Quelle Und sinke willenlos in ihre Tiefen, Verklärten Blickes in die Hölle.

Mein heisser Leib erglüht in seinem Hauch, Er zittert wie ein junger Rosenstrauch, Geküsst vom warmen Maienregen. - Ich folge Dir ins wilde Land der Sünde Und pflücke Feuerlilien auf den Wegen -Wenn ich die Heimat auch nicht wiederfinde"

Und dabei zeigt Else Lasker-Schüler uns etwas, was für sie selbstverständlich und doch anders gewesen sein muß: obwohl es die Kunst der Erotik nicht als solche gibt, scheint sie hier und da auf. Und wer sie als Möglichkeit ignoriert, trägt dazu bei, ihr die Möglichkeit zu nehmen. Demnach gelte es Erotik als etwas zu sehen, was nur in den konkreten Beziehungen gedacht werden kann und nicht abstrakt zu verhandeln ist. Was weder bedeutet, niemals zu fragen, noch dagegen spricht, sich Verletzungen der Person zu erwehren.

Melanie von Les Madeleines

[Dieses Referat wurde währende des Vortrages mündlich ergänzt, der Vortrag ist auf dieser Seite, www.nadir.org/nadir/initiativ/les_madeleines/ , als MP3 zu finden. Bei Gelegenheit zu einem neuen Vortrag wird der Text von der Autorin überarbeitet.]