Die alltägliche Sorge um den Sex
Frau Z., wohnhaft in der Lindenstraße, geht zum Arzt, weil sie
„keine Lust“ hat und das als krankhafte Erscheinung wertet. Sie
möchte herausfinden, was mit ihr los ist. Der 14-jährige K.,
der mit seinem großen Freund auf einmal sexuellen Kontakt hat
zuckt nicht die Schulter und sagt “na und?”. Er beschäftigt sich
ausgiebig damit, ob er wohl eventuell schwul sei. Zum einen geht es ihm
anscheinend nicht darum, ob eine gleichgeschlechtlich-sexuelle Handlung
vorliegt, denn das liegt ja auf der Hand. Zum anderen geht es nicht nur
um die Frage, wie die Eltern reagieren, denn dieses Problem wird oft
erst dann erörtert, wenn man sich selbst „darüber“ klar
geworden ist. Was aber ist das „darüber“ und haben Frau Z. und K.
diesbezüglich etwas gemeinsam?
Beide sind auf der Suche. Auf der Suche nach dem, was Sexualität
behaupteterweise sein soll: Etwas naturgegebenes, was tief im Inneren
jedes Einzelnen steckt, das sich in Vorlieben und Verhaltensweisen
zeigt und was mensch daher durch lauschen und in sich hineinhorchen
herausfinden können müßte. Ob normal, eventuell schwul
wie K. oder vielleicht frigide wie Z., jedeR muß sich bei
sexuellen Handlungen damit auseinandersetzen, wie „normal“ oder
„unnormal“ sie oder er noch ist oder ob womöglich bisher
unerkannte Charaktereigenschaften plötzlich ans Licht kommen. Da
Handlungen nämlich als Erscheinungsweise von tiefsitzenden
Charaktereigenschaften angesehen werden, müssen Selbstwahrnehmung
und alle Handlungen übereinstimmen. Entweder erneuert man dann
sein Selbstbildnis oder bestätigt es. Bevor es aber darum geht,
mit welchem (Miß-)Erfolg diese Suche nach der sexuellen
Identität gekrönt ist, soll es zuerst um die Frage gehen, wie
sich Charakter, kombiniert mit Handlungen, historisch hergestellt hat.
Menschen waren im Mittelalter austauschbar, keine sich als besondere,
sich als individuell wahrnehmenden Personen, sondern Teil einer
Existenzgruppe und Teil eines göttlichen Schöpfungsplans. Sie
waren in ihrer Funktion befestigt, als Personen jedoch austauschbar
(starb ein Kind wurde dem nächsten auch schonmal sein Name
gegeben, starb einE EhepartnerIn der Existenzgemeinschaft wurde meist
neu geheiratet um die weitere Existenz zu sichern). Familie, Region und
Stand definierten die Einzelnen, Funktionen also, in die sie
hineingeboren wurden. Der Sinn des eigenen Lebens war also bereits
vorgegeben, z.B. wie der Vater Bauer oder Fürst zu werden und vor
allem Diener Gottes zu sein, eine eigene Sinngebung war nicht
nötig. Die Bedingungen begannen sich jedoch zu wandeln.
Berufszweige waren nicht mehr so festgelegt sondern veränderten
sich durch langsam beginnende Industrialisierung und waren daher mit
Landflucht, dem Wechsel des Berufs und damit sozialen Zusammenhangs
verbunden. Mehr und mehr eröffnete sich daher die Möglichkeit
und erwuchs durch die Notwendigkeit des Überlebens auch die
Pflicht, seine Biographie aktiver zu gestalten. Heute sind Menschen als
Arbeitende austauschbar, als Individuen aber gerade nicht. Vom Prinzip
her kann jedeR jeden Beruf ergreifen, an diesen bindet mensch sich
nicht mehr per Geburt sondern per Vertrag. Um sich für einen
speziellen Beruf oder eine bestimmte Stelle zu qualifizieren, um also
einen Job zu finden, ist es allerdings nötig, sich aus der Menge
der Arbeitssuchenden heraus abzusetzten, sich dafür zu
qualifizieren. Auf altklug heißt das: „Jeder ist seines
Glückes Schmied“. Das Individuum wird also heute nicht mehr als
ein bestimmter Mensch geboren, sondern er wird es erst durch das, was
er aus sich macht. Von gottgegebenen Geschöpfen im
Mittelalter wurden die Menschen zu modernen self-made-men.
So ist also das, was heute Individualität heißt, historisch
langsam entstanden, wobei es uneingeschränkt als positiv angesehen
wird, nämlich als Chance und Möglichkeit „sich“ zu
„verwirklichen“, gerade im Privatleben. Die Entwicklung zur
Individualität zeigt sich auch hinsichtlich der Sexualität,
hier besonders im Bereich des Verbotenen, wie z.B. Prostitution,
Masturbation, vorehelicher Sexualverkehr aber auch: Sodomie, also
Analverkehr . Wurde bisher Fehlverhalten abgestraft kamen im Zuge der
Aufklärung Debatten um soziale Hintergründe für
kriminelle Verhaltensweisen auf und die Ursachen (oft
Teufelsbesessenheit) wurde hinterfragt: Inwiefern illegale sexuelle
Handlungen angeboren oder (auf welchem Wege) erworben seien, aber vor
allem, daß diese Ursachen nicht außerhalb (Teufel) sondern
innerhalb der Person liegen (Psyche), schien die Möglichkeit zu
eröffnen, durch Änderung dieser Ursachen die Verhaltensweisen
abzuschaffen, also nicht nur begangenes Unrecht zu bestrafen sondern
zukünftiges zu verhindern. So begann sich eine Verantwortlichkeit
der Menschen für ihr Tun herauszubilden. Aus einfacher Erziehung
(zu Verhaltensweisen) wurde Pädagogik und Therapien kamen auf. Sie
setzten immer mehr die Handlungen in einen Zusammenhang, und dieser
Zusammenhang formte sich zu einem Charakter, auf den es einzuwirken
galt und gilt. Der Charakter ist nun Grund für das Handeln, daher
Handlungen die Erscheinungsweisen, auf Grund derer sich auf den
Charakter schließen läßt. Diese Psychologisierung
begann auch in der Gerichtsmedizin des 19.Jahrhunderts, die z.B.
Probleme hatte, Sexualverkehr unter Männern zu beweisen.
Anusuntersuchungen waren nicht sicher, schon gar nicht bezogen auf den
sogenannten ‘aktiven Sodomiten’, und so ging man schließlich dazu
über, Gutachten über den geistigen Zustand der Betroffenen
anzufertigen und seinen Lebenswandel über Wochen zu dokumentieren,
um den Beweis der (Un-)Schuld zu erbringen.
1886 erschien schließlich die erste Ausgabe der
‘Psychopathia Sexualis’ von Krafft-Ebing, in dem die bisherigen
Einzelarbeiten über Personen mit nicht akzeptiertem
Sexualverhalten gesammelt und kategorisiert wurden. Das Buch wurde zu
einem Standardwerk — die Sexualpathologie etablierte sich.
Grundlage war die Trennung zwischen natürlichem und perversem
Sexualverhalten, betrachtet wurden dabei nur die Perversen.
Anwachsendes Fallmaterial vermehrte die Sammlung, so daß in der
6.Auflage des Werks 1891 (also nur 5 Jahre später!) auch der
Sadist, der Masochist und der Fetischist aufgenommen waren. Von
fehlerhaftem Verhalten konnte nicht mehr die Rede sein, man wurde zu
einem fehlerhaften Menschen, was durch entsprechendes Verhalten in
Erscheinung trat. Früher war die Handlung sozusagen alleinstehend,
heute ist mensch gleich der Typ Krimineller, sobald mensch klaut, der
Typ Schwuler, wenn Mann mal was mit einem Mann hatte usw., d.h. es wird
in Typen eingeteilt, jeweilige Charaktertypen haben sich herausgebildet
und das Verhalten läßt auf den jeweiligen Typ
schließen, was besonders unangenehm ist, wenn der Typus zu den
unbeliebten oder gar gesetzlich verfolgten gehört. Kein Wunder
also, wenn sich Leute durch ihre sexuellen Handlungen, sei es daß
sie eine Phase verstärkter Masturbation haben, sich plötzlich
von einem Menschen gleichen Geschlechts angezogen fühlen oder aber
Lust bei einem Gewaltporno empfunden haben wieder mal ausgiebig und oft
genug quälend mit sich selbst beschäftigen müssen.
Und noch etwas hat sich verändert: Die Kontrolle von Handlungen
vollzieht sich nicht mehr nur durch ein Außen (Bestrafung durch
Gerichtsbarkeit oder Familie) sondern durchgehend auch durch das
Individuum selbst, so eben auch bei Frau Z. und K.. Sie selbst sind es,
die sich die Biographie schreiben müssen, versuchen „sich“ zu
verwirklichen, also einen wesenhaften Kern in sich suchen, ihre
Charakterisierung am Maßstab „wissenschaftlicher“ und
populärer Leitlinien (wie z.B. der Psychopathia Sexualis, aber
auch Sternzeichen, Gesetze, Umfragen u.v.m.) vornehmen müssen und
unter der Fremdzuschreibung (nach selbigen Leitlinien) zu leiden haben.
Dabei werden dann auch Probleme, die durch gesellschaftliche Ursachen
entstehen, schnell als individuelle gesehen, nur weil sich diese in
einem selbst verdeutlichen. So suchen Z. und K. Probleme in sich, die
ohne die derzeitige gesellschaftliche Sortierung überhaupt keine
darstellen müßten. So problematisch diese Charakterisierung
auch sein kann und zu Verzweiflung und Selbstmord führen kann,
ohne Identität, ohne eine Vorstellung davon, was einen selbst
eigentlich ausmacht, kann kein bürgerliches Subjekt, also kein
Mensch im aktuellen historischen Zustand, existieren. Es bliebe ein
nichts, mensch hätte sich jegliche Existenzberechtigung und
jeglichen Sinn vollständig abgesprochen, denn das was außer
Charakter bleibt ist reine Austauschbarkeit. Dennoch kann man im
Bewußtsein dieser Lage sowohl bei der Selbstcharakterisierung mit
einer gewissen Lückenhaftigkeit leben, als auch Fremdzuschreibung
an anderen Personen einschränken, was deren
Diskriminierungserfahrungen verringert.
Die nun durch die Sexualpathologie herausgebildeten Begriffe Hure,
Schwuler, Lesbe, Pädophiler, Hetero, Sadist, Masochist,
Inzestuöser, Päderast, Sodomit, Fetischist, Platoniker,
Frigide, Bisexueller, Impotenter, Transvestit, Transsexueller,
Nekrophiler , Voyeurist, Exhibitionist und Nymphomanin und was es
nicht noch alles geben soll, bezeichnen also nicht nur Handlungen,
sondern gleichzeitig die Vorstellung eines Charaktertyps. Dieser ist
nicht auf Anhieb präzise beschreibbar, daß die Begriffe aber
mehr als nur die Handlungen selbst umfassen, zeigen deutlich die
Reaktionen der Umwelt bei der Preisgabe bestimmter Vorlieben:
Plötzlich sieht man Menschen in einem anderen Licht, distanziert
sich, wendet sich sogar ab und es ist ein Unterschied, ob der Mensch
Nymphomanie (unersättlich, männerfixiert, völlig
triebgeleitet, aktiv) oder Exhibitionismus (verklemmt, verschlossen,
passiv) outet. Nur Heteros sind selbstverständlich, also „normal“,
alle anderen sind andersartig, abweichend. Was aber das normale sein
soll, von dem das Perverse so definitiv abgegrenzt wird, bleibt
unbestimmt. Es ist letztlich paradoxerweise genau das Negativ zum
Negativ, nämlich das nicht-perverse: Heterosexueller Steckkontakt
mit Maß in intakter Beziehung. Und genau das war nicht schon
immer so.
Diese Einteilung in Typen ist willkürlich und bliebe es auch bei
Ausweitung der Kategorien. Sind Frauen, die einen richtigen Mann wollen
masochistisch? Ist ein Bisexueller, der jede Nacht exhibitionistische
Träume hat nun Exhi oder Bi? Haben richtige
Männerfreundschaften nicht was schwules an sich? Steckt nicht in
jedem Porno-Film- und Oswald-Kolle-Film-Anseher ein verkappter
Voyeurist? Spätestens(!) bei der notwendigen Differenzierung
zwischen Phantasie und Realität wird ein Chaos offensichtlich. Zum
anderen zeigt die Tatsache, daß und wie sortiert wird, schon
einiges, was es an dieser Gesellschaft zu kritisieren gibt. Die
Unterscheidung in normal und pervers ist eine, die deutlich mit der
Frage nach dem gesellschaftlichen Nutzen in Zusammenhang steht bzw.
Vermeidung von Schaden, den die Einzelnen produzieren.
Heterosexualität entspricht einem Nutzen, nämlich der
Fortpflanzung, Homosexualität wird inzwischen teils als
nicht-schädlich toleriert. Um individuelle Befriedigung geht es
leider nicht.
Die Betrachtungsweise der EssentialistInnen, derjenigen also, die von
einer Wesenhaftigkeit der Sexualität ausgehen, wird zwar auch
kritisiert, indem die KritikerInnen richtigerweise die historische und
kulturelle Gebundenheit von Sexualität aufzeigen, sie bleibt
jedoch gesellschaftlich die durchgesetzte wissenschaftliche und
alltägliche Vorstellung von Sexualität. Darin verschwindet
dann auch jeglicher Unterschied zwischen dem griechischen
Päderasten (selbstverständliche Lebensphase), dem
mittelalterlichen Sodomiten (illegales Verhalten, Besessenheit vom
Teufel) und dem heutigen Schwulen (Charakter). Alles sollen nur
Erscheinungen sogenannter Homosexualität als Naturphänomen
sein.
Jede Entdeckung einer neuen Vorliebe oder allein die Frage, ob man zu
„soetwas“ fähig sei, führt also zur Infragestellung der
bisherigen Selbstcharakterisierung und ihrer eventuellen Neuformierung.
Eine schlüssige Identität ist allerdings nicht herausbildbar
ist, denn dies würde eine Übereinstimmung des gesamten
Verhaltens einer Person mit „sich“ bedeuten, das „sich“ ist aber gar
nicht alleinstehend existent sondern nur eine Schlußfolgerung aus
dem Verhalten, welches kulturell und gesellschaftlich gebunden ist.
Deshalb ist auch die Suche ein unendlicher Prozeß, wenn dieser
auch nicht immer so deutlich in Erscheinung tritt wie bei Frau Z. und K.
P.S.
Literatur:
Freud, Sigmund: „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“
Müller, Klaus: „Aber in meinem Herzen sprach eine Stimme so laut“,
Homosexuelle Autobiographien und medizinische Pathographien im
neunzehnten Jahrhundert“
Lied: Funny von Dannen, „Ingo, der liebe Gummifetischist“
Artikel aus: Fortlaufende Nummer 3, Mai 1999.
wiederveröffentlicht in: Gigi #4, Sexualität und Identität.