„Sex is dumb, boring hippie stuff“
Über das strukturell sexbesessene bürgerliche Subjekt – ein Parforceritt
Auf die Avance eines Groupies soll, will man dem Film „Sid and Nancy“
Glauben schenken, Johnny Rotten, Sänger der Sex Pistols,
bloß „Sex is dumb, boring hippie stuff“ geantwortet und sich
weggedreht haben. Falls dies stimmt, traf er damit eine der radikalsten
Aussagen über Sexualität, die sich denken lässt. Denn
allen, die sich ins Gerede über Sex einbringen, ob Homo- oder
Heterosexuelle, SexualrevolutionärInnen und katholische
Enthaltsamkeitspropagandisten, Rockstars, BRAVO-AutorInnen, Therapeuten
und FrauenLesben, ist gemein, dass sie, egal wie sie ihre Stellung zum
sexuellen Begehren definieren, dieses eines sicher nicht finden:
belanglos und langweilig. Im Gegenteil: Die Sexualität erscheint
in der bürgerlichen Gesellschaft mit all ihren getrennten
Sphären als diejenige, in der die Individuen ihre echtesten
Gefühle, ihre nachhaltigsten Siege und Niederlagen, kurz, ihren
wesentlichen Sinn erfahren. Als schicksalshafte Bestimmung trägt
die Gesellschaft den Einzelnen tagtäglich die Suche nach der
sexuellen Identität auf. Es winkt nicht weniger als die Belohnung,
den ureigenen Wesenskern hier zu finden und befreit – allen
Erfahrungen, „ein geknechtetes und verächtliches Wesen“ (Marx) zu
sein, zum Trotze – aufzuatmen: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s
sein. Dass diese Hoffnung sich kaum je erfüllt, gehört recht
gerade zum Reiz dazu.
In der bürgerlichen Gesellschaft herrscht der Zwang zur
Identität, zu wissen, wer man ist und nicht ist und dass man der
ist, der man auch gestern war. (Auch wären Verträge sinnlos,
deren Nichterfüllung damit begründet werden könnten, bei
der Unterschrift ein anderer gewesen zu sein.) Das mit sich selbst
identische bürgerliche Subjekt aber ist eigentümlicherweise
eine leere Hülle, eine bloße Form, die sich vollzieht als
Realabstraktion an den Individuen. Sie wird vollzogen als abstrakte
Gleichsetzung der einzelnen vor den Institutionen von Markt und Staat
zum Zwecke ihrer Vergleichbarkeit: Vor dem Gesetz wie vor dem Geld sind
alle gleich, unabhängig von ihrer individuellen Beschaffenheit,
und das heißt: gleich nichtig. Der Grund des Subjektseins der
Individuen, ihr Inhalt, liegt außerhalb der jeweiligen Konkretion
der Subjektform, ihres menschlichen Trägers, ohne dass dieser
Inhalt doch von dem Träger gänzlich unabhängig gedacht
werden könnte. Wäre er nämlich eine bloße
Hülle, leere Identität mit sich selbst, so wäre er gar
nichts, denn die Identität bedarf eines Anderen, sich darzustellen
und als Identität so erst sich zu konstituieren.
Dieses Andere ist die Arbeit. Im glücklichen Zeitalter der
Bourgeoisie konnte sie gedacht werden als zweckgerichtete Bearbeitung
der Natur, als Setzung der Natur unter den Willen des autonomen
Subjekts, das sich in ihr veräußert und sich im Resultat
seiner Veräußerung, der Aneignung der Objektwelt, als ihr
Herr, eben als Subjekt konstituiert. Nur wird diese
Veräußerung realiter nicht vollzogen, auf dass das Subjekt
sich verobjektiviert, sondern von den Produkten seiner
Veräußerung selbst zum Objekt gemacht wird: Diese Erfahrung
mussten als erste die Arbeiter machen, zwischen deren Denken und
Handelns sich, sobald sie Arbeiter wurden, die ihnen als fremd
gegenüberstehenden, sowohl besitz- wie zweckmäßig
äußeren Produktionsmittel schoben und Willen wie
Tätigkeit selbst veränderten. Ihre Arbeitskraft wird im
Tausch veräußert an den Kapitalisten, und ihre Arbeit tritt
ihnen als geronnene gegenüber, als Kapital – ob als Maschine oder
als Warenspektakel –, und degradiert sie zum Anhängsel ihrer ihnen
entfremdeten Produkte: als als Einzige überflüssige und
nichtige, die dem Zweck zu gehorchen haben, der Akkumulation von
Kapital als Selbstzweck zu dienen. Als solche sind sie tatsächlich
subjektiviert im eigentlichen Wortsinne des ‚subiacere’, nämlich
unterworfen; ihr eigener Herr, niemandes Knecht – außer den
Produkten ihres eigenen und zugleich äußerlichen freien
Willens. Damit aber unterscheiden sie sich beileibe nicht ums Ganze von
den Bourgeois, deren Selbstbewusstsein historisch sich länger
gehalten haben mag, bis es ebenfalls gezwungen war, vor der
Übermacht des gesellschaftlichen Objektiven, der autonomen,
selbstzweckhaften Gesetze der Kapitalverwertung zu kapitulieren.
Verwiesen auf den Zwang zur mit sich selbst identischen Subjektform,
deren Substanz oder Grund, der freie Wille, ihnen nicht nur ebenso
feindlich wie unverstanden als geronnenes Produkt, als Kapital,
gegenübersteht, sondern ihnen auch als nicht in den Subjekten
heimischer wahrlich unheimlich erscheint, suchen die bürgerlichen
Subjekte den tieferen Grund für ihren Grund dort, wo das
Unheimliche dingfest zu Hause ist: zu Hause. Die Privatheit ist
gesellschaftlich gesetzt als ihr notwendiges Gegenteil, über das
sich nur sagen lässt, dass sie eben notwendig ist: zum Konsum der
Produkte der Arbeit, ohne die keine Produktion auskäme, nach
eigenem Gusto und zur muße- und liebevollen Reproduktion der
Produzenten. Wie dies geschähe, ist nicht von Belang, solange es
geschieht; und so scheinen die Gesetze des Kapitals, die der
öffentlichen Welt Form geben, an der Haustür zu enden, wo die
Frau wartet – denn Subjektsein war dem Mann vorbehalten. Vom
Vertragszwang und Tausch vom Gleichen mit Gleichem befreit, muss ihm
die Privatsphäre zugleich als Idyll wie als unverständliche,
weil formlose Heimstatt des ganz anderen erscheinen. Als Inbegriff
dessen erscheint eben die Frau, das gefühlige, liebevolle, ganz
sich als Geschlecht erschöpfende Etwas, von dem man noch heute
sagt: „verstehe einer die Frauen“. Im Wechselspiel vermag der Mann im
Unheimlichen sich Grund zu geben, einmal im Leben einen Baum zu
pflanzen und einen Sohn zu zeugen, um aus dem gleichen Grund heraus den
formlosen Sumpf des Privaten wieder zu fliehen in die formvollendete
Welt des Kapitals, die Öffentlichkeit: Sei es als Sorge um die
Familie, für die es gälte, mehr zu schaffen, sei es als Sorge
um sich, selbst formlos zu werden, zu versumpfen, wie es Sokrates
fürchtete, als er lieber öffentlich philosophierte als daheim
sich mit Xanthippe zu reproduzieren.
Im anderen, weiblichen Geschlecht, dem Geschlecht, findet das
bürgerliche Subjekt Mann so seinen Grund, Subjekt zu sein. Aus dem
Zwang zur Identität in der Subjektform wird die Gier danach, wie
sie sich im Wechselspiel zwischen dem Dasein als leerer Form und ihrem
scheinhaften Gegensatz, der formlosen Fülle an Gefühl,
äußert und darin auch erst ganz realisiert: Die Gier nach
Identität produziert erst die Bedingungen, unter denen der Zwang
entsteht. In der Vervollkommnung der kapitalen Gesellschaft wird dieses
Paradoxon anschaulich, weil sie zugleich die Krise der geschlechtlichen
Identität bedeutet. Da das Kapital für seine
Arbeitskräfte kein Geschlecht kennt und für seine Waren
keinen Absatzmarkt, der Tabu wäre, eröffnet sich unter dem
durchgesetzten Kapitalverhältnis für Frauen die
Möglichkeit, selbst Subjekt zu werden und das Menschenrecht zu
genießen, Waren – Arbeitskraft wie Reproduktionsmaschinen –
einzutauschen. Per Kühlschrank, Pennymarktmarmelade und
Kulturindustrie wird die Warengesellschaft in der Privatheit heimisch,
während die Frau nicht mehr mit Sicherheit dort wartet. Kein
anderes Geschlecht steht den nun geschlechtsloser werdenden
bürgerlichen Subjekten zur Verfügung, um den Grund ihres
Subjektseins abzugeben. So wird der Gegensatz im Selbst selber gesucht,
um das subjektive Selbst als begründet-einheitliches aufrecht zu
erhalten. Zu finden sei es in den Gefühlen, den letzten amorphen,
scheinkonkreten Höhlen, in die sich das Wahre und Geheimnisvolle –
das phantastische Wunschbild des noch nicht der Warenwelt, die alle
Menschen und Dinge der Außenwelt mit ihrer Form erfasst hat,
Zugehörigen – zurückgezogen haben soll. Als das
Gefühligste und scheinbar Konkreteste – wenn auch oder besser:
gerade weil es kaum fassbar ist – aber tritt seit dem romantischen
Gegensatz von Gefühl und Vernunft das Begehren auf. Nur darum
interessieren sich beide Geschlechter plötzlich für ihre
Geschlechtlichkeit, die in der kapitalen Welt als Bedingung der
Möglichkeit, Subjekt zu sein, immer unwichtiger wird – der Mann,
dem sein Geschlecht bisher nebensächlich schien, ebenso wie die
Frau, deren Alles es war. In sich selbst versuchen sie sich zu
spiegeln, um zum wahren Grund ihrer Identität zu gelangen.
Bürgte früher das andere Geschlecht dem Mann als Substanz,
als eigentlicher Grund des Willens, den er in der Beziehung zur Frau zu
erkennen meinte, ohne zu erkennen, dass zuvörderst er selbst
diesen Grund dort gesetzt hatte, so kommt die immer schon bloß
selbstbezügliche Praxis nun offen zu sich selbst: Der eigenen
Praxis soll ihr Grund abgelauscht werden, der dann heißt, immer
schon ein Hetero- oder Homosexueller, männlicher Mann oder
weibliche Frau, Swinger oder keusch auf die Ehe WartendeR, kurz:
schicksalshaft sexuell identisch gewesen zu sein. Die sexuelle
Bestimmung lauert als letztes Geheimnis, als höchste
Verheißung, und genau als solche wird sie bei allem
Drüberreden wie Drüberschweigen, Heißmachen und Tipps
zum Abwarten Geben präsentiert. Freilich als ein nicht enden
wollendes Geheimnis, dessen schnöde Enthüllung in der
Realität, in der doch nur schicke Waren und gewöhnliche Leute
lauern, ihrem Bild nie gerecht werden kann und die Subjekte bloß
weiter antreibt. Denn der Blick in den Spiegel ist unendlich oft
wiederholbar, ohne je Sicherheit zu gewähren.
Soll er unterbrochen werden, so reicht es nicht hin, wie es die Linken
meist taten und tun, für einzelne sexuelle Identitäten
Gleichberechtigung zu fordern oder gar diese als wesenshaft den
anderen, den spießigen heterosexuellen Paarbeziehungen
beispielsweise, überlegen zu proklamieren. Zwar mögen manche
Bestimmungen über das wahre Begehren, wie sie in Abgrenzung zur
heterosexuellen Norm formulierbar werden, bei den solcherart Bestimmten
und sich Bestimmenden auch real Ab- und Begrenzungen zur schmerzhaften
Folge haben. Nur affirmiert diese Kritik, nicht über sich
hinausgetrieben, noch in der Forderung nach Gleichberechtigung die
Identifizierungspraxis selbst als Form, in der die Subjekte eben ihre
Vergleichbarkeit erst herstellen. Dermaßen gekonnt aufs Kreuz
gelegt von der Gesellschaft, die kritisiert werden sollte, wird sich
einstmals vielleicht eine Bewegung aufrappeln, die Sexualität als
Fetisch der Subjektivität selbst aufzuheben, um dereinst
unverkrampft Körpersäfte austauschen oder dies lassen,
darüber reden oder darüber schweigen zu können, ohne
dies für wesentlich nehmen zu müssen, weil das herrschende
Unwissen als kapitaler Grund der zwanghaften Identitätssuche ein
für allemal den Geiern zum Fraße vorgeworfen worden ist.
Dazu müsste man nur weniger über Stellungstipps und mehr
über’s Kapital wissen wollen.
Lars Quadfasel
Tendenz 1998