Subjektivierung oder Sozialisation in der bürgerlichen Moderne
Referat für die NRW-Tagung "Beziehungsweise Sexualität" vom LAK-Queer(l) der JD/JL NRW
Einleitung
Dieses Referat soll dazu dienen den Zusammenhang zwischen Individuum
und Gesellschaft ein wenig zu durchleuchten. Die Frage ist dabei: Wie
kommen gesellschaftliche Strukturen in die Köpfe und Lebweisen von
Menschen? Es steht bewußt am Anfang der Tagung um Grundlagen zu
diskutieren, die zum Verständnis der einzelnen noch in den
Arbeitsgruppen aufzudeckenden Strukturen und ihrer Bedeutung für
den Menschen und sein individuelles Leben nötig sind. D.h. in den
folgenden Arbeitsgruppen wird teilweise auch Bezug genommen bzw. an
Beispielen die Logik verdeutlicht. Desweiteren dient dieses Referat der
Erklärung dazu, was an Frauen und Männern unterschiedlich ist
und wie und warum sich das historisch entwickelt hat. Der aktuelle
Zustand ist nämlich nur durch die Analyse der historischen
Entwicklung verständlich, da sie nur daraus entstanden ist. Das
zeigt aber auch, warum das Aussteigen aus patriarchalen Strukturen (a
la: Ja dann machen wir das doch einfach anders wenn wir wissen,
daß das scheiße ist) nicht bzw. nicht vollständig
möglich ist. Was machbar ist, dazu wollen wir am Schluß dann
noch mal kommen.
Ausgehend von der These, daß der Mensch eine leere Hülle mit
Anlagen (Denken, Planen, Phantasieren, Wahrnehmen, Sprechen,
Arbeiten...) ist, stellt sich die Frage, wie Menschen das werden, was
sie sind. Daß die Füllung der Hülle durch das
Lebensumfeld in Wechselwirkung mit der Verarbeitung des speziellen
Menschen passiert ist dabei klar.
Nicht klar ist damit, daß die Wahrnehmung des Menschen durch
Andere oder durch sich selbst über die Jahrhunderte so
unterschiedlich war, daß wir die verschiedenen Formen nicht aus
heutiger Sicht voll erfassen können. Die Vorstellung der Menschen,
Subjekte zu sein, wie wir sie kennen, ist der aktuelle geschichtliche
Zustand, unsere derzeitige Realität. D.h. der Mensch als Subjekt
(was das bedeutet werden wir noch sehen) ist eine Entwicklung, die
gleichzeitig mit dem Aufkommen der bürgerlichen Moderne geschah.
Die Selbstwahrnehmung der Menschen vor dieser Zeit läßt sich
anhand historischer Befunde und Forschungen (verwiesen sei hier
besonders auf Barbara Duden) teilweise rekonstruieren, nachempfinden
können wir es aber nicht mehr. Unser Denken und Fühlen bleibt
im Rahmen der bürgerlichen Denk- und Gefühlsformen. Daher
wollen wir zuerst in groben Zügen Eckpunkte der Daseinsform im
Feudalstaat beschreiben, um die Differenzen und Veränderungen zu
heute besser beschreiben zu können. Im Weiteren wollen wir uns
aber auf die aktuelle Daseinsform der Menschen als Subjekte
beschränken, mit dem Wissen, daß dies eine historische
Momentaufnahme darstellt, an geeigneten Stellen werden wir vergleichend
auf die Historie verweisen.
Diskurse und ihre Verflechtung
Noch etwas vorab: Manche mögen vielleicht gleich den Eindruck
haben, klingt ja gut aber da sind Begründungszusammenhänge
zusammengeschmissen worden, weil sie gerade gut passen - hätte
doch auch ganz anders laufen können. Stimmt. Hätte anders
laufen können. Dazu mal ein Einschub zum Thema Diskurse.
Ein Diskurs ist keine Diskussion, sondern ein Gefüge aus Sprache,
Anschauungen, Denkstrukturen, Handlungen, moralischen Vorstellungen
usw., denen jeweils dieselbe Logik zugrundeliegt. Beispiel:
Die Art und Weise wie Gefängnisse gebaut werden und Menschen
in ihnen ein eingepfercht werden ist ein Diskurs. Grundlage ist die
Einteilung in Gut und Böse, die Bösen werden der Gesellschaft
entzogen, um die Gesellschaft nicht weiter zu schaden sondern sich zum
Guten zu wenden. Dabei ist nicht nur die Bauweise der Gefängnisse
(reine Funktion ohne Schnörkel, kleine Einzelzimmerchen,
Vergitterung....) Teil des Diskurses, auch das zugrundeliegende
Menschenbild sowie z.B. die Inhalte der Einteilung in Gut und Böse
als normierte Vorstellungen scheinen auch in allen Verhaltensweisen der
Betroffenen (WärterInnen, DirektorIn, InsassInnen) durch. Die
einen grenzen die Bösen sozial aus, erheben sich moralisch
über sie, die anderen sind sich (meist) ihrer Schuld bewußt.
Es gibt aber immer verschiedene Diskurse, mit eigenen Logiken und
eigenen Enstehungsgründen. So hat der herrschende
Geschlechterdiskurs eine klare Polarität der Geschlechter zum
Ausdruck (wenngleich mensch inzwischen einsieht, daß auch Frauen
ihr Anderssein nicht am logischen Denken hindert), in einem anderen
Diskurs, der der extremen DekonstruktivistInnen, wird auch das
körperliche Geschlecht für konstruiert gehalten. Diese beiden
(und das ist sicherlich sehr verkürzt) Diskurse bestehen
nebeneinander, der Unterschied ist: der eine, erstere, ist
gesellschaftliche Norm.
Ausschlaggebend ist dabei, inwieweit sich verschiedene Diskurse (in der
Medizin, in der SPD, bei den Burschenschaften) ergänzen und
widersprechen, ergänzen sie sich, ist es wahrscheinlich, daß
sie ineinander übergehen, sich weiter verstärken, und
schließlich eine Hegemonie bilden, die dann (meist) in Herrschaft
also institutionalisierte festgeschriebene Form umschlägt.
Widersprechen sie sich, so wird sich einer der beiden durchsetzen,
sicherlich auch in Verbindung mit anderen ihn ergänzenden und
stützenden Diskursen, und der zweite wird zur Randerscheinung.
Diese Entwicklung, das Entstehen neuer Diskurse, die dadurch
auftretenden Widersprüche, neue gesellschaftliche Grundlagen (wie
z.B. das Aufkommen der Lohnarbeit...) und das sich immer wieder
wechselseitige Aufeinander-Eingehen und Verdrängen macht die
gesellschaftliche Dynamik aus. Dabei werden gedankliche Neuerungen
über das Ausleben der Konsequenzen zu neuen Bedingungen und
Denkweisen, d.h. das Imaginäre, das, was wir hier Denken und Tun,
kann sehr wohl Folgen haben. Sicherlich werden wir in 200 Jahren
schlauer sein, was daraus geworden ist.
Dem Geschlechterverhältnis jedoch liegen die nachfolgend
beschriebenen Diskurse (ohne Anspruch auch Vollszändigkeit)
zugrunde. Sicherlich gab es auch soziale Schichten und Gruppen, die
andere Einschätzungen hatten, diese setzten sich jedoch im
Kräfteverhältnis nicht durch. D.h., dieser Text versucht,
sich auf die jeweils relevanten Diskurse zu beschränken.
Der Mensch zwischen Feudalstaat und Moderne
Im Feudalstaat wurden die Gesetze und Normen, also das was erlaubt und
verboten war stärker von einzelnen Menschen in Abhängigkeit
von der damaligen gesellschaftlichen Situation geprägt als heute.
Zwar waren die Feudalherren in ihren Entscheidungen nicht völlig
frei, auch hier gab es Notwendigkeiten und Grundansichten (besonders
religiöse) dennoch konnten sie im Rahmen dieser Grundlagen
einzelne Entscheidungen treffen. Ob Hexen verfolgt wurden, welcher
Glaube in welchem Fürstentum anzunehmen war, welche Währungen
und Gewichte galten, waren willkürliche Entscheidungen, die die
Feudalherren oder andere Einzelpersonen für sich und andere
entschieden. Daß es Währungen gab, daß mensch sich
Hexen vorstellt, das waren alles Grundlagen, die keine
willkürliche Entscheidung waren sondern historisch entstandene
geistige und materielle Bedingungen. Nach diesen willkürlich
festgelegten Gesetzen hatten die Menschen zu Handeln.
Dabei war das Ergebnis der Handlung das ausschlaggebende, wie es dazu
kam, was sich der ausführende Mensch dabei dachte war relativ
schnurz. So wurde denn auch Fehlverhalten als verbotene Tat bestraft,
nicht aber die dazu zugrundeliegenden Gedanken, Einsichten und
Moralvorstellungen dieses Menschen. Wer also verbotene Handlungen
beging, wer Ehebruch tätigte, den Feudalherren nicht
grüßte oder gegen Gott lästerte wurde z.B. zur
Abschreckung öffentlich an den Pranger gestellt und gevierteilt.
Heute ist die Zielsetzung nicht die Strafe, sondern die Prävention
weiterer Straftaten, was dadurch versucht wird, den gesamten Menschen
zu betrachten und auf sein Innerstes einzuwirken, sozusagen auf die
vermuteten falschen Gedanken und Moralvorstellungen die Verbrecher
haben sollen. Früher gab es diesen Zusammenhang zwischen Charakter
und Tat nämlich gar nicht (zumindest nicht in der Form).
Früher war die Handlung sozusagen alleinstehend, heute ist mensch
gleich der Typ Krimineller, sobald mensch klaut, der Typ Homo, wenn
Mann mal was mit nem Mann hatte usw., d.h. es wird in Typen eingeteilt
- Taten sind der nach Außen dringende Charakter des jeweiligen
Menschen.
Menschen waren austauschbar, keine Individuen. Ihre Funktion war
relevant (Tochter, Bäcker, Hufschmied, Fürstin) aber nicht
die Person, die den Job ausführte, und da mensch in die Funktion
hineingeboren wurde auch nur zweitrangig, wie mensch sie ausfüllte
- auch ein schlechter Bäcker war ein Bäcker, heute wird er
schnell zum Arbeitslosen. Aber Backen mußte er schon, das war
alles. Genau wie eine Ehefrau monogam sein mußte. Um diese aus
heutiger Sicht Minimalanforderungen zu prüfen gab es entsprechende
Kontrollen, die sich vorerst nur auf das Ergebnis konzentrierten, sich
jedoch immer stärker auf das Innere des Menschen verlagerten. Die
Kontrolle des Feudalherren beschränkte sich auf eine Kontrolle
"von Oben" zu bestimmten Zeiten. Kontrolle wurde aber durch
verschiedene Geständnistechniken (besonders Beichte und
Foltertechniken, Hinterfragung der Praktiken des Menschen, heute
stinknormale Redeweise daher kaum als solche bewußt) immer mehr
durch den institutionalisierten Menschen gemacht, weitete sich,
begünstigt durch andere soziale Erscheinungen (aufkommen der
Rationalität) auf alle Menschen aus und wurde vorherrschende
Kontrollform, die nicht mehr zeitlich begrenzt von Oben kam, sondern
durchgehend von überall her.
Im Zuge der Industrialisierung und der benötigten Masse an
Menschen für die produktive wie reproduktive Arbeit wurde es aber
langsam wichtiger, zunehmend effektiv zu denken. D.h. Straftaten sollte
zugunsten eines reibungsloseren Ablaufes vorgebeugt werden.
Desweiteren entwickelte sich ein subjektives Bewußtsein.
Während sich der Mensch zuvor über die Gruppe (z.B. Familie,
Stadt, Dorf, Zugehörigkeit eines Feudalherren, generativ
weitergegebener Beruf, Name) definierte, begann dies Art der
Selbstdefinition zu bröckeln. Zum einen waren die Berufszweige
nicht mehr so festgelegt sondern durch die Industrialisierung langsam
einem Wandel unterworfen und mit Landflucht und daher dem Wechsel des
Berufs in der Familie und Wechsel des sozialen Zusammenhangs verbunden.
Zum anderen mischte sich dies mit den Geständnistechniken (Zur
Herstellung von Normen und Individualisierung sowie
Geständnistechniken siehe Foucault, Überwachen & Strafen
und Sexualität & Wahrheit). Diese Gesprächsform zwang den
Befragten, sich seiner Handlungen und Gedanken, die ihn dazu bewegten
(also z.B. warum ziehe ich in die Stadt? Warum wechsle ich den Job)
bewußt zu werden, womit sich eine Differenzierung zur bisherigen
Definitionsgrundlage und eine Verantwortlichkeit des eigenen Tuns
herstellte. Der Mensch wurde also langsam in einem moralischen Sinne
schuldfähig. Die Zielsetzung Verbrechen vorbeugen zu wollen, die
durch die Geständnisse entwickelten Beziehungen zwischen dem
Handeln und Denken/Fühlen der Menschen führten dazu, immer
stärker die Typisierung vorzunehmen, d.h. Menschen, die kriminelle
Handlungen begangen als kriminelle Charaktere zu sehen, und durch die
moralische Ausgrenzung dieser Gruppierung eine Lehre darzustellen.
Jetzt hieß es nicht mehr, du darfst als Mann nicht mit einem
Mann, das ist doof, sondern: wenn du machst dann bist du schwul, was
mensch schon mit Aussätzigkeit vergleichen kann.
Subjektivierung hieß aber auch noch etwas anderes. Die bisher von
Außen stattfindende Kontrolle verlagerte sich durch die
Durchsetzung der Geständnistechniken nach Innen. Früher gab
Gott und der Feudalherr vor, was verboten und was erlaubt war. Heute
ist mensch selbst dafür verantwortlich die gesellschaftlichen
Normen so zu internalisieren, daß mensch ihnen nachkommt. Gott
ist nicht mehr real und spricht zu mir, ich glaube an ihn, womit die
Kontrolle des gedanklichen Ehebruches in mir stattfindet. Der
Erklärungsnotstand entsteht vor mir selbst, nicht mehr nur vor
einem Außen. Das führte dazu, daß nicht nur die Tat,
sondern auch der gedankliche Rahmen des Individuums interessant wurde,
und mensch sich die Tat eben auch durch den Kopf erklären konnte.
D.h. um Taten zu vermeiden konnte mensch auch die zugrundeliegenden
Gedanken ändern und damit den Mensch nicht als ganzes vernichten
(Tod), sondern nur den negativen normabweichenden Teil
- sozusagen die Geburt der Pädagogik.
Das Bild des Gottes, der über allem steht wird ersetzt durch das
Bild DES Menschen, der ebenfalls ein positives (das Wort human zeigt
das auch) Bild ist, aber dem ich nicht genügen muß, sondern
der ich werden muß. Der Erklärungsnotstand entsteht also vor
mir selbst, verordnete Disziplin wurde durch stete
Selbstdisziplinierung und -kontrolle effektiv ersetzt.
Der Mensch in der bürgerlichen Moderne - Das Subjekt
Wer oder was ist der "Mensch"?
Mensch ist innerhalb der aktuellen historischen Beziehung
gekennzeichnet durch die Möglichkeit frei zu denken, rational zu
sein, zielgerichtet entscheiden zu können und zu müssen. Das
heißt auch, zugunsten einer Funktion, die der Mensch in der immer
arbeitsteiligeren Welt einnimmt die dazu störenden Faktoren
(Triebe, Gefühle usw.) kontrollieren zu können. Das setzt
voraus, den gesellschaftlichen Rahmen (bewußt) anzuerkennen und
sich selbst (notgedrungen) in ihm zu fügen und sich daran selbst
zu normieren.
Hinzu kommt eine Entwicklung, die ich im weiteren als
Selbststilisierung bezeichnen will, nämlich das neu entwickelte
Selbstbewußtsein des Bürgertums, daß sich von der
Feudalherrschaft absetzen, sich in asketischer Tradition von der
Völlerei (z.B.) lossagt und dadurch einen Lebensstil prägt.
Nötig wird die Selbststilisierung dadurch, daß durch die
Individualisierung und Gleichheit kein durch die Geburt gegebener Wert
mehr vorhanden ist, sondern alle gleichberechtigt nebeneinander stehen
und natürlich trotzdem das meiste vom Kuchen abhaben wollen. Da
die Feudalherren unten durch sind und die Proletarier auch ihren Teil
fordern muß sich das Bürgertum davon distanzieren, sie
müssen sich selbst anerkennen lernen. Das passiert über
allerhand Lebensstile wie Reinlichkeitsrituale, Kleidung, Bildung usw.
Dieser Lebensstil wird hegemonial und gilt heute als Norm.
Rationalität und ihre Logik
Wenn der Wert des Menschen nicht mehr von Geburt an (Stände)
festgelegt ist und daher alle Menschen vom Prinzip her die gleichen
Möglichkeiten haben, sich also auf einmal entscheiden müssen,
welchen Beruf sie ausführen wollen usw. dann hat dies
natürlich Folgen. Nicht nur wie wir gesehen haben die Entwicklung
einer Individualität mit eigener Verantwortlichkeit vor sich
selbst, sondern auch die Rationalität. Da die Menschen nicht mehr
von Geburt an eine Funktion haben, in die sie automatisch wachsen,
sondern sich plötzlich als Individuen vor unzähligen
Möglichkeiten stehend sehen, müssen sie nicht nur
Entscheidungen treffen, sie müssen sich auch für den Platz
den sie wählen selbst zurichten. Das heißt, daß der
Bürger, der jetzt Bäcker oder Verkäufer wird, sich
selbst, dadurch daß er austauschbar und ersetzbar ist (trotz bzw.
gerade aufgrund der Individualität) sich auf seine Rolle effektiv
zuschneiden muß, um ihr gerecht zu werden, also z.B. die bekannte
Verkaufsmenthalität zu entwickeln. D.h. er unterdrückt seine
Gefühle, um seine Rationalität in den Vordergrund zu stellen.
Auch das macht (s.Horkheimer & Adorno bzw. Maihofer) das Subjekt
aus: es beherrscht sich selbst! Genau wie in den
Geständnistechniken sind sie Objekte wie Subjekte ihres
Herrschens, bzw. Objekte und Subjekte ihrer gestehenden Rede über
sich selbst.
Die Kriterien sind Rationalität und Funktionalität,
Selbstentscheid und gesellschaftliche Verhältnisse. Im Kopf der
Subjekte entsteht eine Art individuelle Norm gesellschaftlicher Denk-
und Handlungsweisen, die (meist) konform der gesellschaftlichen
Verhältnisse ist und sich mit individuellem Erleben mischt. Diese
individuelle Norm, das Über-Ich ist jetzt Gott bzw. Feudalherr.
Gott hat sich in den individuellen Menschen verlagert.
Die Frau in der bürgerlichen Moderne - Die Schizophrene
Nachdem wir jetzt geklärt haben wie Subjekte, also Männer,
sich definieren, wollen wir mal über Frauen sprechen. Die
Subjektivität ist nämlich nur bedingt auf sie anzuwenden.
Frauen sind sozusagen strukturell schizophren, sie befinden sich immer
im Widerspruch zwischen Frausein und Menschsein. Aber
langsam.
Die Selbststilisierung des Bürgertums umfaßte nämlich
nicht nur die Abgrenzung zum Adel, sondern auch gleichzeitig die
Abgrenzung von der Frau. Diese hatte am Hofe eine recht gute Stellung.
Mätressen leiteten ganze Militärgarnisone und waren alles
andere als das hübsche Porzellanpüppchen, daß mensch in
die Ecke stellt. Auch im aufkommenden Bürgertum sowie auf dem Land
hatten Frauen zwar eine andere, deshalb aber noch lange keine weniger
wichtige Tätigkeit. Erst durch die Entstehung der Trennung in
Privatheit und Öffentlichkeit durch den Kapitalismus entsteht die
Wertigkeit, nämlich die Abhängigkeit der Privatheit von der
Öffentlichkeit (das soll übrigens jetzt nicht heißen,
daß vorher alles ok war). So waren Frauen zum einen der Teil
einer Bevölkerung, der auch dachte durch die rechtliche
Gleichstellung zu seinem Recht zu kommen, wogegen mensch nur
Teile/Herrsche einsetzen konnte, zum zweiten hatte sich bereits eine
Entwicklung abgezeichnet, die sich mit der Selbststilisierung in
für Frauen recht unangenehmer Art vermengte:
Frauen wurden zwar immer als anders, als vom Manne abweichend
definiert, die Art und Weise wie dies geschah war jedoch recht
unterschiedlich. So wurde das Geschlechterverhältnis früher
als Ein-Geschlecht-Modell, langsam aber als Zwei-Geschlecht-Modell
gedacht. D.h. früher wurden die Frauen und ihre Körper als
gradueller Unterschied gesehen. Sowohl Frauen als auch Männer
hatten ihre Tage: bei Männern waren es Nasenbluten und
Verletzungen, bei Frauen zusätzlich die Periode. Die Vagina war
der nach innen gestülpte Penis, also kein anderes Organ, sondern
dasselbe Organ in etwas anderer Ausführung. Desweiteren hatten
anatomische Unterschiede nicht die Bedeutung wie heute, die
Kleiderordnung diente auch dazu, das Geschlecht festzulegen, d.h.
Verhalten und Sitten waren konstitutiv für das Geschlecht, nicht
ein als natürlich angesehener Körper. Heute werden Mann und
Frau (gerade in emphatischen Ehe-Erzählungen) als
Gegenstücke, als Ergänzungen, als Pole und damit etwas
grundweg verschiedenes betrachtet. Der Körper, in der Art wie er
definiert und angesehen wird, wird zur Grundlage des Geschlechts, d.h.
auch, daß heute die gelebte Geschlechtlichkeit im Gegensatz zu
früher, mit der biologischen übereinstimmen muß. Es
gibt Berichte, daß früher Menschen das Geschlecht gewechselt
haben, heute wird dies als krank, abnormal, unnatürlich gesehen.
Diese Differenzierung, auch hervorgerufen durch eine veränderte
medizinische Sichtweise (aufgeklärt, sachlich, neu: Anatomie), kam
gerade recht. Wäre die Frau nur ein gradueller Unterschied aber
ansonsten dasselbe wie der Mann gewesen, hätte mensch es schwer
gehabt, sie aus den allgemeinen Menschenrechten und Bürgerrechten
auszunehmen. Als völlige Differenz zum Mann ging es aber, da ihnen
schlicht die Eigenschaften (aufgrund der Biologie) zugerechnet wurden,
die zur Versagung der allgemeinen Rechte führten: fehlender
Verstand, primäre Gefühlswelt, Schwäche, schlicht:
Natur. In einzelnen Passagen von Verfassungen und Deklarationen Ende
des 18. Jahrhunderts wurde auch definitiv nur von Männern,
Söhnen und Brüdern gesprochen. Nicht nur von Bürgern, wo
mensch noch vermuten könnte, damit seien alle gemeint.
Warum aber ist Frau = Natur ?
Das Frauen das Andere sind, führt natürlich nicht
allein notwendigerweise dazu, sie mit Natur gleichzusetzen. Allerdings
wurde ja nicht nur in diesem Bereich die Polarität gedacht. Auch
in anderen Bereichen setzte sich dieses Denken durch, so z.B. in der
Anatomie und in der Betrachtung von Körper und Geist. Die Pole
Frau/Mann, Körper/Geist samt ihrer Ergänzungen und
Verstrickungen führten dazu, die hervorgehobene Stellung der
Geschlechtsorgane und die Verhaltensweisen der Geschlechter, die bisher
aus der sozialen Rolle, nicht der Biologie, entstanden, in Zusammenhang
zu setzen. Dabei blieb: der Mann war das Maß. D.h. er machte die
Entwicklung zum Subjekt mit, die Frau hingegen wurde zu dem Teil den er
unterdrücken mußte (Triebe, Lust) um Subjekt und weiter
Herrscher zu sein. Sie war für ihn sein Gefühl, seine Natur,
bereits charakterisiert durch ihre Geburt ohne Schwanz. Die Pole
deckten sich: Frau=Gefühl=Natur... versus Mann=Verstand=Kultur....
Dennoch trifft natürlich auch für Frauen zu, daß sie
einem Selbsterklärungszwang unterliegen, daß sie
verantwortlich sein müssen (für die Kinder und den Haushalt)
und daß sie kontrolliert werden bzw. sich selbst kontrollieren.
Desweiteren werden sie tatsächlich immanent mitgedacht, da sich
nämlich das Ideal des Menschen, daß eigentlich das des
Mannes ist, auch auf sie auswirkt, sie werden nämlich denselben
Gedanken, Logiken und Gesetzen unterworfen. Aber eben immer nur als
Bürgerin, als Frau sind sie Natur. Der Mann hingegen ist gerade
als Bürger auch Mann. Diese Logik macht die Schizophrenie aus.
Frauen werden als Frauen angesehen, nutzten diese Zuschreibungen zur
Selbststilisierung (später auch für die Frauenbewegung die ja
heute noch teils darauf wertlegt, daß sie besser sind WEIL sie
Frauen und gefühlvoller sind) und müssen in sich aber durch
Selbstdisziplinierung auch teils eine männliche Struktur anlegen,
die sie auch brauchen, sobald sie öffentlich als Menschen
angesehen werden wollen und ihre Rechte durchsetzen wollen.
Als Frauen jedoch sind sie keine Bürger/-innen sondern - historisch entwickelt - Natur.
Um es noch mal klarzustellen. Der Diskurs der Gleichheit und der der
(Geschlechter-) Differenz sind gleichursprünglich. Alles was nicht
gleich ist muß nämlich dann wesentlich unterschiedlich sein
(z.B. Kinder: keine Rationalität und Vernunft, aber auch
schmerzempfindlich...). Diese Logik ist Erbe feudaler Denkweisen, in
denen ebenfalls die Unterschiede als wesenhaft bestimmt wurden. Nur das
jetzt die Geschlechtlichkeit (früher soziale Rolle) und nicht der
Stand (hieß ja auch mal Geschlecht) daran festgemacht wurde.
Wie sich Diskurse bezüglich der Ehe, der Vorstellung von Liebe und
Sexualität entwickeln, welche Diskurse z.Z. hegemonial sind und
was mensch daran kritisieren kann, das wollen wir und in einzelnen
Arbeitsgruppen themenspezifisch behandeln.
Petra für den LAK Queer(l) im Mai 1997