Schon im Vorfeld fand ein erbitterter Diskurs statt - "Veranstaltung fällt aus!!!"stand auf den meisten Plakaten mit Filzstift geschrieben, die Organisatoren konterten mit "Veranstaltung findet statt!". Ein paar Mal wurde sogar noch ein engagiertes "Niemals!" gesichtet, ausgekontert mit, wunderschön, "Und ob!!!". Was war da los? Der Eingang des KIOTO jedenfalls wurde von mit Flugblättern bewaffneten Menschen versperrt. Überschrift "Veranstaltung fällt aus - Definitionsmacht bleibt". Es schien so zu sein, dass der zu diskutierende Text der Les Madeleines "Das Borderline-Syndrom" nicht für gut befunden wurde. Schlimmer noch, die Autoren, des Weiteren der Gastreferent des Berliner Blattes BAHAMAS, Justus Wertmüller, der dort den Text "Infantile Inquisition. Vergewaltigungsdebatten in der Szene - Verdränger werden Verfolger" veröffentlicht hatte, wurden des Sexismus beschuldigt. In beiden Texten sei eine Vergewaltigung als Verführung verharmlost worden. Wer die Debatte nachlesen möchte, kann dies unter den unten angegebenen Internet-Adressen tun. Ich konnte weder Herrenwitz noch Verharmlosung von sexueller Gewalt entdecken.
Nachdem doch noch ein paar Wissbegierige per Hintereingang ins KIOTO gelangt waren, konnte es losgehen. Auf der Treppe zum ersten Stock wurde gelärmt, etwa zehn Leute hielten die Tür von innen zu und die sichtlich genervten Diskutanten versuchten ihr Programm durchzuziehen. Wertmüller argumentierte mit Adorno, Kafka und Shakespeare, verwies auf die revolutionäre Kraft der Liebe, ja, konnte von einem "Aufscheinen der Utopie" in der glücklichen Paarbeziehung berichten. Letztendlich liefen alle rhetorischen Anstrengungen darauf hinaus, die der anderen und die eigene Sexualität nicht immer wieder nur als Hort der Gefahr und Gewalt zu begreifen, wie es mittlerweile in den sogenannten "linksradikalen Zuammenhängen" der Normalfall zu sein scheint, sondern als etwas, das, mal ganz abgesehen vom revolutionären Gehalt, mitunter großen Spaß macht.
Dieser Vorschlag wurde in der folgenden Diskussion jedoch abschlägig beschieden Das eigentliche Thema, nämlich sexuelle Gewalt, sei völlig verfehlt worden, und was das denn solle, hier so einen esoterischen Liebesbegriff zu entwickeln. Und man müsse sich ja auch nicht immer hinter so großen Namen verstecken, Adorno etc., da käme man auch von selbst drauf.
So klumpte es dann noch zwei Stunden vor sich hin. Die Übriggebliebenen zerstreuten sich - alle Wege enden in der Kneipe - Richtung Lagerhaus-Kafé. Insgesamt also ein ganz herrlicher Krampf. Allen, die sich bislang fern der linksradikalen Szene gehalten haben, sei hiermit empfohlen, so eine Veranstaltung einmal zu besuchen, es macht großen Spaß und ist sehr lehrreich. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass wohl in jeder Nachmittags-Talkshow die Leute sich mehr zu sagen haben, als in der selbsternannten revolutioären Avantgarde, und dass die, die den Anspruch erheben, das viel zitierte richtige Leben im Falschen zu führen, nirgendwo anders als im selbst inszenierten Ghetto und der eigenen Verhärtung enden. Und das es für Frauen nicht verpflichtend ist, in Berlin-Friedrichshain zu wohnen. Um das alles zu erkennen, braucht's wirklich keinen Adorno. Und so muss wohl auch der revolutionärst gelaunte Mensch einsehen, dass mit denen, die sich heute noch Autonome nennen, in absehbarer Zeit kein Staat zu machen ist.
Benjamin Moldenhauer
(Quelle: Zett. Monatszeitung der Bremer Kulturzentren Schlachthof
und Lagerhaus, Ausgabe Oktober 2001.)
(zur Information: Das "Kioto", Ort der Veranstaltung, befindet sich
im Kulturzentrum Lagerhaus.)